Tage ohne Lächeln - «the doorman» von Domiziana Giordano & Reiner Strasser
Der Pförtner ist der, der alles weiss - und dem doch alles entgeht. Stets weiss er genau, wer mit wem eine heimliche Liebesnacht verbracht hat - er selbst aber hat sie nicht erlebt. Auch hat er gesehen, wer spät in der Nacht lallend nach Hause getorkelt ist - er selbst blieb nüchtern und schwieg. Der Pförtner weiss auch, wer seinen Job verloren hat und er kennt die peinlichen Gründe - selbst aber sitzt er weiter auf seinem Stuhl. Die Macht des Pförtners ist seine Ohnmacht: An allem kann er teilhaben, vom Erleben aber bleibt er ausgeschlossen.
Tag für Tag, Nacht für Nacht sitzt der Pförtner in seiner Loge. Er blättert in der Zeitung, starrt in den kleinen Fernseher auf seinem sonst leeren Tisch. Die Welt tritt nur via Medium an ihn heran. Auch die Eingangshalle vor der Vitrine seiner Loge ist ein solches Medium: Zwischen ihrem Leben draussen und ihrem Leben drinnen treten die Hausbewohner hier für einen kurzen Moment auf. Den Pförtner beachten sie kaum, längst gehört er zum Inventar. Nur an seltenen Tagen schenken sie ihm ein Lächeln, wenn sie grad eines übrig haben.
Von Tagen ohne Lächeln erzählen Domiziana Giordano und Reiner Strasser in ihrem Netzprojekt «the doorman [passing]». Zwei Monate lang hat Giordano den Pförtner eines Mietshauses beobachtet und fotografiert - zwei Monate lang ist nichts passiert. Untermalt von einer melancholischen Flötenmusik, die aus nicht mehr als drei Tönen besteht und sich ständig wiederholt, hat Strasser die Bilder zu einer Abfolge von sechs «Portalen» montiert, über die wir weitere Bilderbogen ansteuern können. Während die sechs «Portalbilder» den Blick auf den Pförtner in seiner Logenecke zeigen, geben viele der übrigen Fotos die Eingangshallenwelt aus der Sicht des Pförtners wieder.
«Für mich ist die Kamera das Auge einer Person, durch deren Vorstellung wir die Ereignisse auf der Leinwand betrachten», sagte einst Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau, der selbst mit der «Der letzte Mann» von 1924 wohl den berühmtesten Film über einen Portier gedreht hat. Ähnlich wird auch in der Arbeit von Strasser und Giordano die Perspektive dieses Pförtners mehr und mehr zu unserer eigenen Sicht: In der zähflüssigen Achterbahnfahrt dieser Bilder schrauben wir uns sukzessive in die Rolle dieses Portiers hinein, übernehmen wir seine Rolle in diesem beengenden Kammerspiel mit nur einem Dekor und ohne Ende.
Die kinematographische Erzählweise dieses Projekts erstaunt kaum, hat doch Domiziana Giordano eine Karriere als Schauspielerin hinter sich, mit Hauptrollen in Filmen wir «Nouvelle Vague» von Jean-Luc Godard oder «Nostalghia» von Andrei Tarkovsky, während Reiner Strasser mit Net-Poesie verbunden ist. Die spezifische Erzählweise von «the doorman» aber nimmt uns eher in die Anfänge der Filmgeschichte zurück - zum Beispiel eben zu Murnau. Von ihm ist auch bekannt, dass er sich zwischen 1923 und 1931 immer wieder mit Fotografie beschäftigt hat. Fotografische Aufnahmen waren für ihn ein erster Schritt hin zum bewegten Bild, der visuelle Arbeitsprozess des Cineasten begann also noch vor dem Drehen.
Während Murnau aber dann, sekundiert von seinem Kameramann Karl Freund, den armen Portier mit seiner berühmten «entfesselten Kamera» gnadenlos in sein Schicksal hetzte, haben Giordano und Strasser ihre Art des Erzählens den Bedingungen des Netzes angepasst. Hier ist es nämlich nicht die Kamera, die entfesselt wird, sondern unsere eigene Vorstellungskraft: Es sind die Pförtner in unseren eigenen Köpfen, die diese Bilder zu einem klaustrophobischen «Huis clos» verbinden. Denn wir alle lassen das Leben gelegentlich an uns vorbeiziehen und schauen zu - und es ist dieser Portier in uns, der uns hier schaudern lässt.
Samuel Herzog